Die Illmaaren

(wie sie am Hofe von Rhythrobarr gesehen werden. Aufzeichnung nach Unterlagen des Casserlords Elias)


Ist eine Kommunikation zwischen verschiedenen Völkern ohnehin immer schwierig, so konnte das Volk der Illmaaren von den Warondern bisher nur ansatzweise verstanden werden. Im ersten Augenblick bezeichneten sie die Struktur dieser Bevölkerungsgruppe als primitiv, allerdings nur so lange, bis sie begriffen, dass es die Komplexität der einzelnen Personen und der Gesellschaft als Ganzes ist, die sie nicht zu durchdringen vermögen.

Die Städte der Illmaaren haben für einen Beobachter zunächst keine spezielle Struktur. Die einzelnen Häuser, in denen die Familien wohnen, liegen unterschiedlich weit auseinander, und die entlegensten von ihnen sind nicht selten über 800 Schritt voneinander entfernt. Jede Siedlung weist jedoch, abgesehen von den unterschiedlichen Größen, dieselbe Struktur auf - die jeweils 20 Häuser bilden die Eckpunkte eines auf die Erde projizierten Dodekaeders, eine für die Illmaaren offensichtlich bedeutungsvolle Form. Auch versuchen die Illmaaren zusätzlich, die natürliche Umgebung in die Entstehung einer Siedlung einzubinden. So wurde es nicht selten beobachtet, dass Hügel das Zentrum einer Siedlung bilden, so dass die Siedlung tatsächlich die dreidimensionale Kappe des Dodekaeders widerspiegelt.
 
 

Damit noch nicht genug: Genau betrachtet baut sich das gesamte Reich der Illmaaren auf diese Weise auf. Die größten Städte liegen auf Eckpunkten eines riesigen, auf die Erde projezierten Dodekaeders, und um die Städte herum sind Siedlungen zu finden, die das Ganze noch einmal in klein beschreiben. Auch liegt die Hauptstadt der Illmaaren, Melcene, in einem Berggebiet, und zum Rande des Illmaarenreiches werden die Höhenmeter geringer.

Das System, das sich hinter der Siedlungsstruktur verbirgt, blieb unter anderem deshalb so lange unentdeckt, weil die Illmaaren ein äußerst aggressives Volk sind, die mit Fremden und vor allem mit den Warondern nicht im geringsten etwas zu tun haben wollen. Jeder, der einem Illmaaren begegnet, muss damit rechnen, sofort verfolgt und getötet zu werden. Dies ist in den letzten Jahren sicherlich auf die Kriegsentwicklung zurückzuführen, hat aber eventuell noch andere Gründe, die dem warondischen Volk jedoch zur Zeit nicht bekannt sind.
Einem nichtverbündeten Fremden wird oftmals erst bewusst, mit was für einem Gegner er es zu tun hat, wenn es zu spät ist, denn Illmaaren werden allzu leicht unterschätzt: Man könnte ihre Gestalt beinahe als hager bezeichnen, und ihre Kleidung - enge, feste Hosen (auch bei den Frauen), körperbetonte Hemden, oftmals Kapuzenumhänge und Halbschuhe - die meist aus fast bunt zu nennenden Stoffen besteht und sich beinahe fröhlich gegen ihre dunkle Haut absetzt, wirkt keinesfalls wie Kriegskleidung. Jedoch besitzen sie Kräfte, die schon manchen Kriegsherrn in die Knie zwang, und es kam vor, dass selbst wohlgeschliffene Klingen nicht das Hemd eines Illmaaren durchdringen konnten.

In Friedenszeiten besitzen die Illmaaren anscheinend keinerlei politische Struktur. Die größte Einheit, die man dann bei ihnen entdecken konnte, ist die Familie. Diese besteht im wesentlichen aus nur zwei Generationen: Erreicht nämlich der älteste Sohn eines Paares das Alter von 5 Tiraden, dann werden die Großeltern, sofern sie noch leben sollten, bei einem Ritual getötet [hierbei ist zu beachten, dass das ursprüngliche Jahr Brahns, die Tirade, wie es die Illmaaren benutzen, eine unterschiedliche Zeitperiode beinhaltet als das Jahr der Waronder, wie sie es bei ihrer Besiedelung einführten. Letzteres ist durch den Umlauf der Welt um die Sonne gekennzeichnet und ist wiederum untergliedert in die vier Jahreszeiten. Die Illmaaren jedoch richten ihre Zeitrechnungen nach den beiden Monden der Welt, Sorran und Praes. Die Umlaufbahn der beiden Himmelskörper um die Welt liegt exakt in einer Ebene, so dass gelegentlich aufgrund dessen und der unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Mond Praes seinen Bruder Sorran einholt und verdeckt. Der Zeitraum zwischen zwei solcher Geschehnisse kennzeichnet eine Tirade. Sie ist untergliedert in 37 Troden, welche durch das Erscheinen des Mondes Praes an der immerselben Stelle festgelegt ist. Man kann, mit geringen Abweichungen, so rechnen, dass eine Tirade in etwa 3 warondischen Jahren entspricht].

Der Grund für dieses Vorgehen - das Opfern der Großeltern - erscheint zunächst unverständlich, zumal die Illmaaren bis hin zu ihrem - meist auf diese unnatürliche Weise erfolgenden - Tod körperlich durchaus lebenstüchtig sind. Erst dem Tauronder Liffit DorBrassit sollte es vor etwa 50 Jahren gelingen, ein solches Ritual mitzuerleben, nicht entdeckt zu werden und unerkannt zu entkommen. Er berichtete davon:

"Die Familie, deren Sohn die fünfte Tirade erreichte, ging aus ihrem Haus heraus und begab sich mit den neunzehn anderen Familien zu einem Ort, der im Zentrum der Siedlung lag. Dort setzten sich der Großvater und sein Enkel gegenüber und starrten sich an. Die übrigen Bewohner wie auch die eigene Familie standen scheinbar ungeordnet um dieses Paar herum. Es war für Stunden kein Laut zu hören.
Dann bekam der Alte mit einem mal einen entzückten Gesichtsausdruck. Er packte mit seinen Händen an den Kopf des Jungen. Dann begann der Junge vor sich hin zu kichern, und so amüsierten sich die beiden über einen langen Zeitraum. Ich kniff die Augen zusammen und versuchte herauszufinden, was wohl der Grund für die plötzliche Belustigung sein könnte, aber ich konnte es nicht entdecken. Die Arme des Alten jedoch zitterten, und ich bemerkte eine sehr große Anstrengung. Dies schien auch die Zuschauer zu betreffen - alle waren sehr konzentriert und blickten ohne Unterbrechung auf das seltsame Paar.
Dies erstreckte sich über etwa eine halbe Stunde, und plötzlich ließ der Alte den Kopf seines Enkels los, sackte in sich zusammen und schien tot zu sein, ohne dass ihn irgendwer berührt hätte. Dann sprang der Junge auf, riss seine Arme gen Himmel und brüllte ein einziges Wort: ZERPTRA! Die anderen Illmaaren rannten auf ihn zu und schienen ihm zu gratulieren."

Der Gott ZERPTRA der Welt Brahn scheint in sehr enger Verbindung mit den Illmaaren zu stehen. Ohne eine direkte Bestätigung zu besitzen, vermuten die Gelehrten der Waronder, dass die Illmaaren es mit Hilfe dieses von DorBrassit beschriebenen Rituals schaffen, in gewisser Weise die Erfahrungen, die Lebensenergie, die Weisheiten einer Generation auf die übernächste zu übertragen. Da bei kämpferischen Auseinandersetzungen auch noch nie ein Wortwechsel zwischen Illmaaren erlebt wurde, ist es durchaus denkbar, dass ihre Gedanken in einem speziellen Sinn Eins sind, dass Illmaaren sich ohne Worte über ZERPTRA verständigen können. Sollte diese Vermutung wie auch die erste wahr sein, so könnte man die - zuerst als primitiv eingestuften - Illmaaren in vielerlei Hinsicht als Magier bezeichnen, auch wenn sie sich dessen selbst höchstwahrscheinlich gar nicht im klaren sind.

Seit dem Beginn des Großen Krieges dauert die Auseinandersetzung zwischen den Warondern und Illmaaren an. Kämpfe zwischen diesen beiden Völkern sind sehr oft, vor allem zu Beginn, zu Ungunsten der Waronder ausgefallen, denn trotz ihrer sehr leichten Waffen, die meist nur aus Speeren und Dolchen bestehen, und der nicht vorhandenen Rüstung besitzen die Illmaaren großes taktisches Talent, hinter denen man seit der Entdeckung DorBrassits ebenfalls den Gott ZERPTRA vermutet. Eventuell steht dieser mit dem obersten Fajen in Verbindung, der wiederum seine Gedanken, Ideen und Befehle auf eine den Warondern nicht verständliche Weise dem restlichen illmaarischen Heer übermitteln kann.

Ein Fajen kennzeichnet bei den Illmaaren eine Art Kriegsfürst, der mit dem Feind die Verhandlungen und mit seinem ihm immertreuen Volk den Kampf führt. Der erste den Warondern bekannte oberste Fajen war Teenul. Neben dem obersten gibt es noch einen zweiten Fajen, der bei dem Tode des ersteren sofort die Führung seines Volkes übernimmt. Andere Arten von Führung sind nicht bekannt und scheinen bei den Illmaaren auch nicht nötig zu sein, denn sowohl Teenul als auch Tarnack, der nach dem Tode Teenuls bei der Verteidung Melcenes gegen den Casserfürsten Elias die Führung übernahm, erwiesen sich als unglaublich einfallsreiche Krieger. Ohne deutbare Zeichen ließen sie mehrmals ihr Heer sich zurückziehen, um ihre Gegner in Sackgassen laufen zu lassen; sie konnten selbst überlegene Kämpfer und Einheiten schlagartig umzingeln und in Windeseile töten.

Gelegentlich jedoch begingen beide, sowohl Teenul als auch Tarnack, große Fehler. So hatte zum Beispiel ihr Heer keinerlei Erfolg bei dem direkten Schlagabtausch zwischen Warondern und Illmaaren im Jahr 315 nach Ankunft der Rythrobarr. Die viel besseren Waffen der Waronder konnten den Illmaaren erhebliche Verluste zuführen, und diese hätten größtenteils vermieden werden können, hätte sich Teenul viel rechtzeitiger zurückgezogen.  Erst dieser Fehler ermöglichte überhaupt den Vormarsch auf Melcene. Diese konnte jedoch auch mit den größten Aufgeboten an Kriegern nicht dauerhaft eingenommen werden, denn es scheint so, als ob es nicht nur die Illmaaren an sich seien, die Melcene verteidigen, sondern die Stadt selbst. Dies zu beschreiben ist schwierig, und vielleicht sind die Worte des Casserlords Elias, die er sofort aufschrieb, nachdem er die Stadt zum ersten mal gesehen hatte, am besten dafür geeignet, sich ein Bild zu machen.

"Ich ritt vor kurzer Zeit mit meinen beiden Obersten zu dem Felsvorsprung, von dem man einen guten Blick auf die Stadt Melcene hatte, die sich Hauptstadt der Illmaaren nennt, dieses von mir und meinen Vorfahren verfluchte Volk! Ich war innerlich voller Hass, ich wollte es mit meinen Gefolgsleuten einnehmen und jedes Haus niederbrennen, jedem meiner Gegner den Kopf abschlagen! Aber als ich die Stadt sah, war mit einem mal mein ganzer Zorn wie weggeblasen. Ich blickte in die Ferne, und ich sah die bunten Dächer, die trotz des trüben Wetters zu leuchten schienen, ich konnte mit einem mal die Geometrie erkennen, von der man immerzu geredet hatte und die ich nie hatte glauben wollen - die Perfektion, mit der diese Stadt errichtet worden war! Trotz der großen Entfernung schien es mir möglich, einzelne Gebäude wahrzunehmen, und auch sie wirkten bizarr mit ihren merkwürdigen Dächern, die so vieleckig waren und unmenschlich wirkten. Mein Gedanke war, wie es möglich sei, dass ein so grausames Volk eine so schöne Stadt hat gründen können, und als ich meine Obersten anblickte, schienen auch sie fasziniert und mit ihren Gedanken nicht mehr bei einem Angriff zu sein. Ich habe meinen Plan, noch heute die Stadt anzugreifen, verworfen - ich werde über meine Gedanken noch nachzudenken haben."
 
 

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